Pingpong in Pjöngjang

Der Berliner Robert Grund baut nicht nur ein Bildungszentrum für taube Kinder in Nordkorea auf, sondern kämpft auch für die Finanzierung seiner eigenen Arbeitsassistenz in der Entwicklungsarbeit

Anfang September war Robert kurz in Deutschland und dort viel unterwegs. Um seine Projektarbeit abzusichern: Gespräche mit Politikern und Geldgebern führen und Geld von dem Vereinskonto abheben, um es als Bargeld nach Pjöngjang mitzunehmen. Wegen der politischen Sanktionen gibt es keine Bankverbindung mehr mit Nordkorea. Mindestens einmal im Jahr macht Robert Grund solch eine Dienstreise.

Robert ist 30 Jahre alt und hat in Berlin Abitur gemacht. Nach einem freiwilligen sozialen Jahr absolvierte er in Hamburg eine Lehre als Reiseverkehrskaufmann und gründete in Berlin die Reiseagentur Tschollima für Nordkorea-Reisen. Bevor er im April 2013 nach Pjöngjang zog, arbeitete er als Jugend- und Bildungsreferent im Förderverein der Gehörlosen der Neuen Bundesländer. Nun ist er Verbindungsbeauftragter zwischen dem Weltverband der Gehörlosen (WFD) und der Koreanischen Vereinigung für den Schutz der Behinderten (KFPD), mitten in Nordkorea.

Warum ausgerechnet Nordkorea? Im Oktober 2000 sah Robert, der in vierter Generation gehörlos ist, auf Sehen statt Hören ein Interview mit Carol Lee Aquiline. Sie war damals die Generalsekretärin des WFD und kam gerade aus Südkorea zurück. Robert war fünfzehn Jahre alt und schockiert von der Aussage „In Nordkorea existieren Gehörlose praktisch nicht.“ Heute weiß er, dass es anders gemeint war, als er es damals aufgenommen hatte.

Er wollte sich von der angeblichen Nichtexistenz der nordkoreanischen Gehörlosen ein eigenes Bild machen. Also unternahm er 2004 seine erste Reise in das Land. Ihm wurden rund um die Uhr zwei Begleiter zur Seite gestellt, in seinem damaligen Taubenschlag-Reisebericht schrieb er, diese Überwachung habe ihn an den Roman „1984“ von George Orwell erinnert. In Nordkorea erfuhr er bloß, dass es acht Gehörlosenschulen gibt. Eine zweite Reise gleich im darauffolgenden Jahr: wieder nichts Neues. Erst bei der dritten Reise im Februar 2006 durfte er einen gleichaltrigengleichaltrigen Gehörlosen aus Pjöngjang treffen. Diesen Tag wird er nie vergessen.

Beim kürzlich stattgefundenen 17. WFD-Kongress in Istanbul konnte WFD-Präsident Colin Allen zum ersten Mal Delegationen aus beiden koreanischen Ländern begrüßen und lud sie zu einem gemeinsamen Gespräch ein. Ein historisches Ereignis. Auch Robert war dabei. Bei der Abschlussfeier wurde er für seine Arbeit in Nordkorea geehrt. Robert gab sich bescheiden und kümmerte sich die ganze Zeit um das Wohl der Nordkoreaner, erzählt eine Beobachterin.

All dies fing durch Robert an. Den ersten Schritt konnte der WFD früher gar nicht mit dem nordkoreanischen Gehörlosenverband tun, denn es gab noch keinen. Der Partner für die erste Arbeitsvereinbarung war somit die KFPD. Nach langer Vorbereitung wurde die Vereinbarung erst Anfang Februar 2012 im WFD-Büro in Helsinki unterzeichnet, mit einem Vier-Jahres-Aktionsplan für die Aufbauarbeit in Pjöngjang.

Seit April 2013 arbeitet Robert mit einer Gruppe von rund 20 tauben Mitgliedern des Gehörlosenverbands zusammen. Für Robert war es von Anfang an sehr wichtig, dass das „Nichts über uns ohne uns“ oberstes Arbeitsprinzip ist. „Nur mit dieser Methode kommen wir so gut voran, wie wir, die Gehörlosen, es uns wünschen“, erklärt Robert. Er nennt es das NAUWU-Prinzip, abgekürzt nach den englischen Anfangsbuchstaben der Wörter „Nothing about us without us“.

Waren die Nordkoreaner ihm gegenüber misstrauisch? Die Deutschen seien vielleicht noch misstrauischer, warum er nach Nordkorea gegangen sei, sagt Robert. Er möchte nicht viel über sich verraten, persönliche Fragen beantwortet er nur salopp oder gar nicht. Er will es vermeiden, bekannt zu werden. Lieber stellt er seine Arbeit, vor allem das NAUWU-Prinzip, in den Mittelpunkt. Sein Beispiel soll ein Appell sein: Unterstützt die Gehörlosenarbeit, ob international oder im Inland!

Nordkorea ist ein streng zentralistisch geführter Staat und bekennt sich zu den Prinzipien des Sozialismus und der Vorherrschaft des Militärs. Nordkorea zählt zu jenen Ländern, in denen die Menschenrechte am wenigsten geachtet werden. Pressefreiheit existiert dort nicht, normale Bürger haben keinen Zugang zum globalen Internet. Aufgrund der Abschottung des Landes ist es nur schwer möglich, ein verlässliches Bild über Nordkorea zu erhalten.

Robert musste feststellen, dass die Unwissenheit, was die Nordkoreaner und den Rest der Welt betrifft, immer noch groß ist. Daher organisiert er seit 2009 jeden August ein internationales Freundschaftstreffen der Gehörlosen in Pjöngjang. In den letzten sieben Jahren nahmen insgesamt über 150 internationale Gäste aus vielen Ländern teil, unter anderem aus Deutschland, den USA, China, Japan, dem Iran und Marokko. Für die Nordkoreaner war die Welt zu Besuch bei ihnen, sie konnten sich austauschen und sich aneinander gewöhnen.

Im vergangenen August, beim siebten GOOD FELLOWSHIP, wie dieses Treffen heißt, war auch die Deutsche Conny Khadivi dabei. Vorher hatte sie ein ganz anderes Bild von Nordkorea, so wie man es aus der westlichen Presse kennt. Sie hatte etwas viel Schlimmeres erwartet. „Aber alles war normal. Zwar sieht und fühlt man eben den Kommunismus. Fast überall ist man gleich angezogen. Die Leute wirken weniger fröhlich, aber sonst ist Pjöngjang eine schöne Stadt“, berichtet Conny begeistert.

Conny war beeindruckt von dem großen Vertrauen der koreanischen Tauben gegenüber Robert. Sie seien immer froh gewesen und ihre Augen würden strahlen, wenn sie ihn sähen. „Dass esRobert ganz wichtig ist, dass das Gehörlosenzentrum auch wirklich realisiert wird, dass die tauben Koreaner besser leben können“, das sieht Conny als hohe menschliche Leistung an. Robert wolle einfach nicht aufgeben, egal wie außergewöhnlich sein Weg sei.

Zu Beginn der Zusammenarbeit mit den Nordkoreanern hatte sich Robert kleine Projekte ausgedacht, zum Beispiel Spielkarten mit chinesischen und nordkoreanischen Gebärden und Wörtern auf Chinesisch und Koreanisch erstellt, dazu die englische Übersetzung. In dieser Zeit gab es noch keine regelmäßigen Treffen und so machte er viel selbst, zusammen mit seinem chinesischen gehörlosen Freund Wang Xingguo. Die ersten Druckkosten übernahm die chinesische Botschaft in Pjöngjang. Ein Jahr später kam der DurchbruchRobert produzierte gemeinsam mit nordkoreanischen Gehörlosen ein zweites Kartenset. „Das war ein sehr schöner erster Erfolg, es ist unsere Gebärdensprache und wir haben die Karten selbst gemacht“, so Robert.

Diese Erfahrung war die Grundlage für das nächste Projekt: „Mein erstes Buch der Gebärdensprache“, es läge in Manuskriptform schon in sechs kleinen Bänden vor. „Die ersten gemeinsamen Arbeitserfahrungen waren sehr wichtig für uns alle und wir haben sehr viel voneinander gelernt“, so Robert. Der Ort für diese Treffen war der Kultur- und Sportraum im KFPD-Gebäude. Sie saßen immer zusammen an einer Tischtennisplatte, nebenan trainierten oft gleichzeitig gehörlose Tänzer oder blinde Musiker. Für die Gehörlosen war der Lärm nicht störend, aber für die KFPD war das keine Dauerlösung und die Treffen wurden manchmal auch kurzfristig abgesagt.

Im November 2014 bekamen die ersten drei Gehörlosen in der Geschichte Nordkoreas einen Reisepass und flogen zusammen mit drei Hörenden und Robert nach Helsinki. Für eine Woche, dort besuchten sie das WFD-Büro. „Das war echt eine irre Reise, es war einfach super. Alles, worüber wir in Pjöngjang an der Tischtennisplatte diskutiert hatten, konnten sie nun mit eigenen Augen sehen und richtig verstehen.“ Was ist ein Gehörlosenzentrum? Wie ist eine Gehörlosenschule in Finnland organisiert? Sind die Gehörlosen eine sprachliche Minderheit und nicht Behinderte? Zurück in Nordkorea, übte das KFPD-Tanzensemble regelmäßiger und wurde immer größer. Der Platz am Pingpong-Tisch wurde zu klein und der einzige sinnvolle Ausweg für sie war die Suche nach eigenen Räumlichkeiten. Ende Dezember 2014 kam plötzlich das Angebot, ungenutzte Räume in einem großen Kindergartengebäude im Pjöngjanger Stadtzentrum zu übernehmen.

Dort sollen sie nun den ersten Kindergarten für gehörlose Kinder und das erste Gehörlosenzentrum bauen. Dabei gibt es im Vorfeld viel Schreibtischarbeit und auch praktische Arbeit. In ihrem Büro soll ein gehörloser Mitarbeiter
ständig präsent sein und aktiv mit Robert zusammen arbeiten. Dazu ist jedoch eine Genehmigung erforderlich. Denn alle internationalen Organisationen haben ihre Büros und Wohnungen im sogenannten Botschaftsdorf Munsudong, zu dem Koreaner nur mit einer Sondergenehmigung Zutritt haben. Den Antrag haben sie bereits gestellt, er ist auf koreanischer Seite momentan in Bearbeitung. Sie hoffen, dass bald eine positive Entscheidung fällt.

„Zusammen mit einer großen Kindereinrichtung in einem Haus ergeben sich bestimmt viele Möglichkeiten für alle Kinder, von klein auf ein inklusives Zusammensein zu erleben und das als ganz normal kennenzulernen“, sagt Robert. Schon jetzt besuchen einige gehörlose Kinder ab und zu den Regelkindergarten.

Das Gehörlosenzentrum soll dann der Ort sein, an dem der Gehörlosenverband sein Büro und Räume für Projekte und Arbeitsgemeinschaften haben wird. „Wir legen besonderen Wert auf die Berufsausbildung, damit taube Jugendliche sich ein eigenes Leben aufbauen können und nicht abhängig von ihren Eltern bleiben“, erklärt Robert. Die erste technische Einweisung hat in diesen Räumen schon stattgefunden: Die Montage von Lichtweckern. Der Ausbilder war Roberts Bruder Marco. Grundbaustein ist ein in Nordkorea produzierter einfacher Wecker, der dann auf ein „Wunderkästchen“ mit Leiterplatte und LEDs montiert wird. Das nächste Projekt ist bereits in Planung, eine Holzwerkstatt.

In der Hauptstadt Pjöngjang gibt es allerdings noch keine Gehörlosenschule, daher sei das Bildungsniveau der Gehörlosen laut Robert sehr unterschiedlich. Manche Gehörlosen waren auf einer Regelschule, andere haben eine Gehörlosenschule in der Provinz besucht. Es gebe aber auch solche, die gar keine Schulbildung genossen hätten. Robert schätzt, dass 240.000 bis 480.000 gehörlose Menschen in Nordkorea leben.

Deshalb hat die KFPD auch ein Modellprojekt für ein Bildungszentrum für gehörlose, blinde und nichtbehinderte Kinder entworfen. Drei Millionen Euro soll das Zentrum insgesamt kosten, die Regierung stellt allerdings kein Geld zur Verfügung. Auch deshalb war Robert kürzlich in Berlin, er sucht nach Sponsoren und Finanzierungsmöglichkeiten.

Dieses Projekt hat die KFPD Robert anvertraut, schon gleich nach seinem ersten Besuch in den drei Gehörlosenschulen des Landes im Mai 2008. Am Abend traf er sich mit seiner Kollegin Barbara auf einem der Restaurantschiffe am Ufer des Flusses Taedonggang. Die Linguistin Barbara Unterbeck ist Unternehmerin und lebt schon seit mehreren Jahren in Pjöngjang.

Beide lernten sich im Jahr 2007 kennen. Im Februar damals traf Robert auf einem Empfang in der nordkoreanischen Botschaft in Berlin Jan Holtermann, der mit seiner Firma das Internet in Nordkorea aufbaute. Robert fragte ihn den ganzen Abend über Nordkorea aus, bis Holtermann ihn an seine Mitarbeiterin Barbara in Pjöngjang vermittelte. „Das war der Beginn einer tollen Zusammenarbeit, ohne die mein Engagement in Pjöngjang undenkbar wäre“, sagt Robert. De facto ist Barbara seine Arbeitsassistenz. Mit ihren Kontakten soll sie Robert bei seiner Aufbauarbeit helfen.

Robert und Barbara wollen erst einmal die Gehörlosenarbeit aufbauen, damit die nordkoreanischen Gehörlosen selbstbestimmte Teilhabe kennenlernen und sich als aktive Mitgestalter qualifizieren können. Empowerment also. „Übrigens haben die Gehörlosen trotz aller Schwierigkeiten in einem Punkt die Nase vorn, hier gibt es nämlich keinen Oralismus. Hier wird in allen Gehörlosenschule grundsätzlich in Koreanischer Gebärdensprache unterrichtet“, so Robert dazu.

Für ihre Arbeit haben Robert und Barbara 2008 in Berlin einen Verein mit dem programmatischen Namen „Zusammen- Hamhung“ gegründet. Hamhung ist eine große Industrie- und Hafenstadt an der Ostküste Nordkoreas. Der Verein sei für alle finanziellen und administrativen Dinge der verantwortliche Partner, inklusive der Finanzierung des Büros und der Projekte, so Barbara.

Allerdings wird Roberts Assistentin Barbara nicht vom deutschen Integrationsamt finanziert. Das Sozialgesetzbuch IV legt nämlich fest, dass Arbeitsassistenten nur innerhalb von Deutschland oder im grenznahen Raum tätig sein dürfen. Hier sind die Entwicklungsländer aber deutlich weiter entfernt, auch Nordkorea mit rund 8.000 Kilometern Luftlinie. Robert und Barbara haben schon viel aufwendige Lobbyarbeit investiert und im Februar 2015 schließlich eine Klage beim Verwaltungsgericht in Berlin eingereicht. Sie gehen davon aus, dass sie gewinnen werden, müssen aber noch Geduld haben, bis eine gerichtliche Entscheidung da ist.

„Wenn das Finanzierungsproblem der Arbeitsassistenz endlich gelöst sein wird, stehen auch Behinderten mit Assistenzbedarf die Türen in der Entwicklungszusammenarbeit weltweit offen“, sagt Robert. Er wünscht sich, dass es viele gehörlose Antragsteller für solche Projekte geben wird.

Die Sendung Sehen statt Hören hatte Robert damals inspiriert, die Gehörlosen in Nordkorea zu suchen. Er hat sie gefunden und eine vielfältige Arbeit mit seinen Kollegen aufgebaut. „In anderen Ländern ist auch viel zu tun, das haben Carol Lee Aquiline und Dr. Liisa Kauppinen schon vor 15 Jahren angemahnt“, sagt Robert. Das sei heute noch aktuell und es sei auch unsere Angelegenheit, dazu beizutragen, dass es vorangehe. Nicht nur in Nordkorea.

Autor: Benjamin Busch

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